{"id":67,"date":"2021-02-01T15:53:11","date_gmt":"2021-02-01T14:53:11","guid":{"rendered":"http:\/\/gastrosophie.sbg.ac.at\/epikur\/?p=67"},"modified":"2021-02-01T15:53:11","modified_gmt":"2021-02-01T14:53:11","slug":"epi-kur-uber-die-einfach-genussvollen-dinge-des-lebens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.historische-esskultur.at\/epikur\/epi-kur-uber-die-einfach-genussvollen-dinge-des-lebens\/","title":{"rendered":"Epi-Kur &#8211; \u00dcber die einfach genussvollen Dinge des Lebens"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unsere moderne Zeit ist so kurzatmig geworden, dass es uns kaum gelingt, mal Abstand zu gewinnen. Abstand zu den Terminabsprachen. Abstand vom permanenten Zeitdruck. Abstand vom Hetzen zu Veranstaltungen, Messen, Meetings, Pre-Meetings, Kick-Off-Meetings, Sitzungen und Seminaren. Schlie\u00dflich, so scheint es, leben wir in einer Gesellschaft des Jugendwahns, da sie in ihrer permanenten Gesch\u00e4ftigkeit \u00fcberhaupt nicht mehr wahrnehmen will, dass die Zeit genauso wenig angehalten wie das Altern aufgehalten werden kann. Aber wir wollen das nicht wahrhaben und hetzen so den Terminen, der in unseren Notebooks programmierten und damit geronnenen Zeit hinterher und verknappen auf diese Weise ein kostbares Gut. In der knappen Zeit f\u00fcgen sich die subjektiven und die gesellschaftlichen Anforderungen wie zwei Seiten derselben Medaille zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was soll ich sagen. Ich wollte einen Artikel schreiben, warum es nicht gelingen kann in der heutigen Zeit, wie Epikur zu leben. Aber ich schaffe es einfach nicht. Zu schreiben meine ich, zu leben noch weniger. Dabei, w\u00fcrde man sich einmal kurz die Zeit nehmen, einmal ganz schnell in der Bewegung verharren und sich f\u00fcr einen Moment eine Verschnaufpause g\u00f6nnen, sich dabei selbst beim Atmen vernehmen und abwarten, bis der gesamte Organismus jubiliert beim Horchen auf die grundlegende Funktionsweise menschlicher Biologie, k\u00f6nnte man einiges f\u00fcr diesen Moment, oder nach diesem Moment, mit anderen Augen betrachten. Nat\u00fcrlich nicht mit anderen Augen, aber doch mit einem anderen Blick auf die Dinge.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich kann aber gerade nicht. Habe keine Zeit. Der Terminkalender ist voll. Meine Frau verlebt eine besonders schwierige Schwangerschaft und unser \u00e4lteres Kind m\u00f6chte nicht g\u00e4nzlich auf elterliche Aufmerksamkeit verzichten. Dazu noch diese Verpflichtungen in der Agentur, die Absprache mit der neu zu gr\u00fcndenden Zeitschrift, der Auftrag eines anscheinend sehr zahlungskr\u00e4ftigen Kunden, das Buch \u00fcber Tr\u00fcffel, welches nicht nur die deutschsprachige Welt in ihrem Blick auf die heimischen Knollen revolutionieren soll, sondern zuvor auch einfach noch geschrieben werden will. Wo soll da die Zeit, die Mu\u00dfe, die Ruhe zur Einkehr herkommen, um einen anderen Artikel zu schreiben, einen, der nach antiker Philosophie, nach Reflexion und damit zwangsl\u00e4ufig nach dem einfachen Genuss verlangt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einfacher Genuss. Wie sch\u00f6n die lang verklungenen S\u00e4tze im Ged\u00e4chtnis emporsteigen zu lassen: \u201eMeine Freunde besa\u00dfen die Gabe der Zunge. Das hei\u00dft, sie verstanden zu schweigen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zusammen haben wir Zeit verbracht. Einfach so. Man k\u00f6nnte meinen, wir h\u00e4tten sie verschwendet. Aber im Gegenteil. Wir haben uns so viel Zeit genommen, dass wir heute &#8211; Jahre nach dieser wunderbaren Begegnung &#8211; noch immer von diesem Moment reden k\u00f6nnen. So pr\u00e4sent, so lebendig ist er uns nach Jahren. Da er wie ein verbindender Turm der Ruhe aus dem hektischen Trubel herausragt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir trafen uns lange verabredet an einem wundersch\u00f6nen Morgen am Ufer eines Sees. Der Tag begann so sch\u00f6n wie unaufgeregt. Wir setzten uns in das Gras und schauten auf das von B\u00e4umen gr\u00fcn ges\u00e4umte Wasser. Einer von uns &#8211; das war lange besprochen &#8211; brachte eine Flasche Wein mit zu unserem Ausflug. Er hatte Jahre zuvor einen seltenen Fund gemacht und wollte diesen im Kreise seiner Freunde teilen. Es war ein 20 Jahre alter Wei\u00dfwein. Er wirkte in der perlenden, gut gek\u00fchlten Flasche wie ein zartes Versprechen aus der Vergangenheit. Der Wein hatte eine dunkle F\u00e4rbung angenommen und schien einem Sherry n\u00e4her als einem Chablis. Auch der Korken hatte mit den Jahren Farbe angesetzt und wirkte an den R\u00e4ndern schon etwas por\u00f6s. Alles hatte den Anschein eines Phasen\u00fcbergangs. Die ganze Flasche machte auf uns den Eindruck, die Zeit, die sie auf uns gewartet hatte, eingefangen zu haben. Und in der Tat bemerkten wir, dass es so sein musste, dass diese Flasche ihren Inhalt genau f\u00fcr diesen Tag, f\u00fcr diesen Ort und diese Runde bewahrt hatte. Denn schlie\u00dflich hatte das Jahr ihrer Abf\u00fcllung eine Menge mit unserer Geschichte, der Geschichte eines jeden von uns, mehr aber noch mit der Geschichte unserer Freundschaft zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So kam es, dass wir, bevor wir auch nur die Flasche ber\u00fchrten, in Gedanken den Weg der Zeit zur\u00fcckverfolgten, bis wir in dem Jahr angelangt waren, das uns vom Etikett der Flasche angezeigt wurde.<br>Damals hatten wir in diesem Freundeskreis zum ersten Mal eine Flasche Wein gemeinsam geleert. Wie sehr sich unser Verhalten doch ge\u00e4ndert hatte: damals sahen wir in der anderen zu dieser Zeit gegenw\u00e4rtigen Flasche nichts anderes als einen schnell zu leerenden Inhalt. Die Flasche kreiste von Mund zu Mund und durch unsere Spr\u00fcche und Geschichten f\u00fchlten wir uns einander verbunden. Verbunden waren wir durch die allm\u00e4hlich einsetzende An\u00e4sthesie, der wir uns vereint hingaben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie sich doch die Zeiten \u00e4ndern. Kaum im doppelten Alter, wollten wir gemeinsam Zeit verbringen und nicht das Trinken empfinden, sondern durch das Trinken Geschmack zur Entfaltung bringen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie k\u00f6nnte man zu einer sinnlichen Empfindung gelangen, wenn nicht durch die Weihen der Zunge durch den Wein? Wie oft schon hatten wir unabh\u00e4ngig voneinander unseren Durst gel\u00f6scht, unser Verlangen gestillt. Hier aber ging es um etwas ganz anderes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich &#8211; das war uns ohne Verabredung und ohne ein weiteres Wort klar geworden &#8211; wurde hier die Zeit im allt\u00e4glichen Sinne ausgesetzt. Wir hetzten ihr nicht hinterher. Wir nahmen uns nicht nur die Zeit, wir reklamierten sie einfach f\u00fcr uns.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein wunderbarer Zustand, in dem man die Zeit verstreichen lassen kann, ohne einen Blick auf die Uhr werfen oder das Handy bedienen zu m\u00fcssen. So kam es, dass wir nicht einfach trinken mussten, sondern schmecken konnten. Und dieser Moment des Schmeckens setzte ein, lange bevor der erste Tropfen die Zunge ber\u00fchrte. Die innere Einkehr begann schon mit der ruhigen Betrachtung der Flasche und setzte sich nun fort, als wir den Wein in unseren Gl\u00e4sern erhoben, ihn gegen die Sonne hielten, um die Farbe zu betrachten. Wenn man Zeit hat, dann erlebt man Farben in einer anderen Art. Sie erscheinen wesentlich intensiver, facettenreicher, nuancierter. Die Farbe der Fl\u00fcssigkeit ist nicht einfach nur ein schwer zu bestimmendes Amalgam, sondern greifbar, fast wie ein sp\u00fcrbarer Phasen\u00fcbergang. Dann der Geruch, wir konnten es unseren Gesichtern gegenseitig ansehen, dass er uns begeisterte, und wir konnten uns an diesem gemeinsamen Erlebnis erfreuen, nicht den Moment in seinem schnell wechselnden \u00dcbergang erfassen und abhaken, sondern ihn durch unsere Freude ausdehnen, selbst mit der Zeit spielen und ihn so f\u00fcr unsere private Unendlichkeit gewinnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Moment wurde zu einem, von dem wir, \u00e4hnlich wie von dem gesamten Tag, sp\u00e4ter immer wieder sprechen sollten. Denn der Wein bet\u00e4ubte uns nicht, wir genossen seine anregende, belebende Wirkung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon hier, in diesem angeblich so trockenen Stadium l\u00f6ste der ungetrunkene Wein unsere Zungen. Er befl\u00fcgelte sie zu Worten, die sie sonst kaum zu formen wagten. Regte uns zu immer neuen H\u00f6henfl\u00fcgen der in Worte kaum zu fassenden Begeisterung an. Dabei wollten unsere Zungen sich hier lediglich f\u00fcr das sensibilisieren, was ihnen der Geruch, der Blick und die gel\u00f6ste Stimmung in Aussicht stellten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So wurde der Wein zum Symbol f\u00fcr den Tag, der f\u00fcr uns so anders war als die meisten anderen und der von daher nicht wie viele andere aus unserem Ged\u00e4chtnis verschwunden ist.<br>Der Tag wurde so zu einer wunderbaren Epi-Kur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere moderne Zeit ist so kurzatmig geworden, dass es uns kaum gelingt, mal Abstand zu gewinnen. Abstand zu den Terminabsprachen. Abstand vom permanenten Zeitdruck. Abstand vom Hetzen zu Veranstaltungen, Messen, Meetings, Pre-Meetings, Kick-Off-Meetings, Sitzungen und Seminaren. 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